Informatiker sollen zu "richtigen" Ingenieuren gemacht werden
In einer Mitteilung vom 23.03.2006 des Informationsdienst Wissenschaft (idw) wird über das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI) berichtet.
Dies wäre jetzt nicht unbedingt aufregend, wenn es sich bei Hasso Plattner (Stifter) nicht um den damaligen SAP-Vorstandssprecher handeln würde.
Plattner äußerte sich gegenüber Bundestagsabgeordneten bei einer Anhörung um 2001 eher ablehnend gegenüber Softwarepatenten (Swpat). Die Swpat-Begeisterung kam erst bei seinen Nachfolgern auf. Nun kommt wohl langsam dieselbe Swpat-Begeisterung auch bei seinem eigenen Institut auf.
Zuerst lässt der Titel der Mitteilung "*Zunehmend komplizierte IT-Systeme machen's nötig: Informatiker müssen stärker wie Ingenieure denken und arbeiten*" nicht direkt an Swpat denken, aber bei näherem Hinsehen ist dieser Vorschlag doch etwas seltsam.
Nimmt man den Titel wörtlich, dann bedeutet er, dass ausgebildete (Diplom-)Informatiker nicht in der Lage sind mit komplizierten Sachverhalten umzugehen. Das kann nicht sein. Und (Diplom-)Ingenieure sollen hingegen eine bessere Qualifikation besitzen obwohl deren Studium nicht vordergründig auf die Informatik ausgerichtet ist. Das kann ebenfalls nicht sein. Beides sind Hochschulstudiengänge. Nur die Schwerpunkte differieren.
Erstens ist jeder (Diplom-)Informatiker soweit in der Realität verhaftet, dass er genügend technisches Verständnis besitzt. Ein gutes Maß an Abstraktionsfähigkeit und Lernfähigkeit ist ebenfalls vorauszusetzen. Ansonsten könnte er keine Programme schreiben. Außerdem ist das Studium der Informatik eine Hochschulausbildung und kein Kindergarten.
Zweitens ist auch jeder (Diplom-)Ingenieur soweit im Zuge seiner Ausbildung und anderswie mit dem Computer in Berührung gekommen und hardwarenahe Programme werden vom Ingenieur selbst geschrieben. Es ist dabei klar, dass Ingenieure Spezialisten für die Hardware sind und Informatiker eben Spezialisten für die Software.
Wer nun auf die Idee kommt Informatiker zu Ingenieuren werden zu lassen, der muss sich auch gefallen lassen, wenn man umgekehrt fordert, dass Ingenieure besser mit der Informatik vertraut gemacht werden sollten. Dies hört derjenige aber sicher nur ungern. Es hat jedoch einen guten Grund warum man nicht alles zu einer Ausbildung verbindet. Der Mensch kann nun mal schlecht auf vielen Hochzeiten tanzen und die Arbeit im Team hat sich in unserer Gesellschaft bewährt (Stichwort: Arbeitsteilung).
Würde man die Informatik mit der Ingenieursausbildung vereinigen, könnte man auch gleich noch die Mathematik hinzufügen. Schließlich ist die Mathematik die Basis von beidem. Das will aber sicher niemand, weiß man damit doch sofort, dass die Qualität der Ausbildung durch zu starke Kürzung des Stoffes leiden würde.
Gleichwohl hört man an diesem Text auch ein wenig die Position der Gesellschaft für Informatik (GI) herausklingen, die am liebsten sofort die Informatik komplett zum Gebiet der Technik konvertieren würde.
Tja und damit sind wir dann wieder bei den Softwarepatenten. Wenn also bestimmte Leute fordern auf diesem Wege die Informatik der Ingenieursausbildung hinzuzufügen bzw. anzugleichen, dann könnte man meinen, dass diese Leute sicher sehr daran interessiert sind, dass Software zum Gebiet der Technik gehört. Und sobald man dies getan hat sind Softwarepatente möglich geworden, da damit die Ausschlusskriterien der Patentierbarkeit umgangen werden. Software würde damit plötzlich technisch. Per Definition wohlgemerkt!
Fazit: Es wird unterbewusst Stimmung für Swpat gemacht. Die Argumentation ist abzulehnen.
Autor: Jürgen Ernst, Dipl.-Ing.(FH)
