Trilaterales Gipfeltreffen in Muenchen 2005-11-17
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Das Trilaterale Projekt der drei großen Patentämter (US, EU, JP) tagt ab dem 14. November in München. Unter dem Vorwand der weltweiten Vereinheitlichung im Rahmen des Trilateralen Projektes hat das Europäische Patentamt um 2000 die Grundlagen für eine gescheiterte Änderung des EPÜ und eine gescheiterte Softwarepatent-Richtlinie gelegt. Trotz der mangelnden öffentlichen Unterstützung für seine Praxis hält das EPA jedoch an dieser aggressiver denn je fest. Die Konferenz vom 17. November dient zwar nicht explizit diesem Zweck, aber sie propagiert nach wie vor einseitig die Interessen der Patentwelt und deren fortschreitende Festschreibung auf einer internationalen, demokratischer Gesetzgebung unzugänglichen Ebene.
Zusammenfassende Kommentare
Die drei großen Patentämter feierten heute wieder einmal die anschwellende Flut von Verbotsvorschriften, die sie jährlich produzieren. Inzwischen sind es Hunderttausende jedes Jahr, die im Gegenzug für immer geringere Innovationsleistungen erteilt werden. Es wird immer fragwürdiger, in wie weit ein System, das Innovationen mit schriftlich fixierten Monopolansprüchen einzäunt, in einer Weltwirtschaft der heutigen Größe überhaupt noch handhabbar, geschweige denn sinnvoll ist. Wenn einige hochentwickelte Länder, wie wir heute gehört haben, ihre "nationale Strategie" auf "geistiges Eigentum" bauen wollen, dann müssten sie auch ernsthaft nach passenden Angeboten Ausschau halten. Die Patentämter und ihre Nutzergemeinde optimieren weiter fleißig ein Produkt, das eine Volkswirtschaft nicht mehr ernsthaft wollen kann. Sie interessieren sich sichtlich nur dafür, die Welt noch effizienter, systematischer und flächendeckender mit breiten, Monopolansprüchen zu überziehen, die zwangsläufig mit schwerfälligen und teuren Prozeduren einhergehen, egal wie oft man an den immer gleichen Reformschrauben dreht, mit denen sich die Patentgemeinde auf ihren Konferenzen regelmäßig beschäftigt. Während heute bei den amerikanischen Vertretern immerhin skeptische Töne insbesondere gegenüber Softwarepatenten zu vernehmen waren, zeigten sich besonders das EPA und die selbsternannten Vertretern der Europäischen Industrie ausschließlich an effizienter und einheitlicher Patenterteilung interessiert. Schon im Jahre 2000 lieferte das Trilaterale Projekt die Textbausteine, aus denen die Europäische Kommission ihre gescheiterte Softwarepatentrichtlinie zusammenzusetzen versuchte. Derzeit versucht man offenbar, ohne explizite Gesetzgebungsakte die Regeln durchzusetzen, auf die sich die drei großen Patentämter damals geeinigt haben.
Giedke: Die Trilateralen Ämter müssen das Öffentliche Interesse im Auge behalten!
Der Münchener Physiker und FFII-Aktivist Geza Giedke besuchte die Veranstaltung und schrieb in der englischen Version einen Kommentar.
Berichte von der Konferenz
LW
Die Konferenz hat das Thema Patentierbarkeit so gut wie nicht berührt. Einzig der Vertreter des JPO hat mit seiner "Roadmap zur Harmonisierung der Patentpraxis" angedeutet, dass ein Fernziel auch die Vereinheitlichung der Patentierbarkeitsanforderungen sein sollte. Ein "Nutzer-Vertreter" aus den USA (Garner oder Hawley) nannte sogar explizit Computer- und Softwareindustrie als Bereiche, in den Patente eher hinderlich sind. Ansonsten waren die großen Themen "Qualität der Patente", "Vereinheitlichung der Dokumentenstruktur", "Neuheitsschonfrist auch in Europa" "Vereinheitlichung der Patente unter Berücksichtigung der jeweiligen nationalen Einschränkungen".
GG
Vor allem fiel mir auf, wie nutzer-zentriert die Beteiligten denken (oder zumindest reden): wobei "Nutzer" im wesentlichen "Kunden", also Patentanwälte, Unternehmen und andere Patentämter meint. Weder der EPA-Präsident noch der Vertreter des JPO nahm das Wort Öffentlichkeit oder Gesellschaft überhaupt in den Mund, der Chef des USPTO verwies immerhin auf seinen Verfassungsauftrag "to promote progress". Ob Patente (oder anderer IP-Schutz) angebracht sind oder nicht, wurde von keinem in Frage gestellt. Insbesondere wurde nicht erwogen, der Flut von Patenten (unter der alle drei Ämter ächzen) durch Beschränkung der patentfähigen Erfindungen zu begegnen (z.B. durch Ausschluß von Software und Geschäftsmethoden, die ja einen großteil der Neuanträge darstellen).
Einzig der Vertreter der IPO (Intellectual Property Owners Association) machte immerhin mehrere klare Statements dahingehend, daß auch diejenigen, die nie ein Patent einreichen, Teilnehmer des Systems und ihre Interessen zu beruecksichtigen sind.
Zunächst sprachen die drei Vertreter der Patentämter, und zwar (neben viel Eigenlob) v.a. über die Probleme des großen Backlog und der langen Wartezeit bis zur Erteilung v. Patenten sowie die hohen mit den notwendigen Übersetzungen verbundenen Kosten und äusserten alle die Absicht, die Weiterverwendung von Anträgen und der bei ihrer Bearbeitung anfallenden Arbeit durch andere Patentämter zu erleichtern
- A. Pompidou (EPA)
- s.o.
- J. Dudas (USPTO)
- viele neue Prüfer eingestellt (jew. 1000 in den Jahren 2004-2006)
- neue Trainingsmethoden
- Versuch, die Qualität der Anträge zu verbessern
- "record growth" in Patentanträgen und Erteilungen wurde ohne weiteres als Erfolg verbucht
- M. Nakajima (JPO)
- Japan hat sich 2002 zur "IP nation" erklärt ("Chefsache" des Premierministers Koizumi) und in diesem Zusammenhang verschiedene Projekte (schnellere Umsetzung, IP High Court, outsourcing von prior-art Suchen) auf den Weg gebracht.
- auf dem Weg zu einem Globalen Patentsystem (GPS) wurden die üblichen Forderungen gestellt (schneller, einfacher, effizienter, bei gleicher Qualität...)
- Ausserdem machte er einen Vorschlag ("new route proposal") zur effizienteren Einreichung/Bearbeitung internationaler Patente, der die Vorteile der beiden bisherigen Wege ("PCT" und "Paris") verbinden soll.
- Danach sprachen noch vier Vertreter der "Nutzer":
- Der Präsident der IPO, J. Hawley, wies in der nachdenklichsten Präsentation des Vormittags auf einige der wirklichen Probleme hin: die negativen Folgen schlechter Patente, z.B. in den Händen von Patenttrollen, die hohen Kosten der Patent-Prozesse, der (mögliche) Bias der Patentprüfer ("one may get the impression that it's easier to allow than to reject") und sprach sich dafür aus, das Interesse der Öffentlichkeit (derjenigen, die nie ein Patent beantragen) im Auge zu behalten, z.B. durch die Erleichterung der "post grant opposition". (Auch der negative PR-Effekt der schlechten, langsam erteilten Patente war ihm ein Dorn im Auge).
- Der Präsident der Patentanwaltsvereinigung AIPLA, M. Garner, ging auf die Reformbestrebungen in den USA ein (siehe dazu Empfehlungen der FTC und der NAS, sowie die Antwort der AIPLA). Es scheint, daß im Land der unbegrenzten Patent-Möglichkeiten auch nicht eitel Sonnenschein herrscht und sich auch Widerstand gegen exzessives Patentieren regt: neben Finanzdienstleistern wurde erstaunlicherweise die Softwareindustrie (und insbesondere große Firmen, die BSA) als Branche angeführt, in der Softwarepatente auch oder eher als "annoyance" angesehen werden!
- Die Industrievertreter aus EU und JP, T. Sueur und N. Kuji waren vor allem an prozeduralen Vereinfachungen interessiert. ("harmonization is a _must_", common court/legal procedure (European patent litigation agreement, EPLA), community patent, limit translation cost, einheitliche Regelung der "grace period", unified and simplified filing procedure)
In der anschliessenden Diskussion meldeten sich v.a. Patentanwälte mit ihren Wünschen zur Vereinheitlichung der Antragsstellung und Rechtsprechung.
Ein deutscher Teilnehmer (Namen habe ich nicht verstanden, er schien zu beanspruchen, fuer KMU zu sprechen) äusserte Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation bei Patenten auf SW/Geschäftsmethoden, meinte die KMU wollten ein liberaleres System a la USA.
Probleme, Hintergruende
- EPA betreibt aggressiv Lobbyarbeit für Softwarepatente
s. http://cii.european-patent-office.org/ und Link darauf von Titelseite aus seit der Niederlage im EP
- institutionalisierte Lobbyarbeit in Brüssel u.a., große Abteilung eigens für diese Tätigkeit
- Auch Trilaterales Projekt ist ein Ausfluss dieser Arbeit
- Die Partner wie UNICE etc. sind keine Vertreter der Wirtschaft. Internationale und nationale Organisationen mit Legitimations- und Kompetenzproblemen in Fragen normativen Patentrechtes verhandeln hier untereinander.
Trilaterales Projekt lieferte mit Papieren im Mai 2000 wesentliche Passagen der Softwarepatentrichtlinie, auch davor und danach war das Thema Software und Geschäftsmethoden Lieblingsgegenstand weltweiten Bemühungen um "Harmonisierung", sprich Festschreibung extensiver Praxis
Bemühungen um weltweit einheitliches materielles Patentrecht (Substantive Patent Law Treaty) laufen weiterhin bei WIPO. Unter dem Deckmantel der Vereinheitlichung soll eine umstrittene und nicht demokratisch legitimierte Praxis festgeschrieben werden. Hier liegt möglicherweise einer der nächsten Brennpunkte bei der Swpat-Auseinandersetzung.
- Das Patentwesenist kein internationalisierbares Erfolgsmodell. Fachartikel weisen seit Jahrzehnten auf seine Fehler und die Probleme bei der Internationalisierung hin.
Paul Geller 2003: International Patent Utopia? (originally published in the European Intellectual Property Review, 2003, 515, and then in French translation in Propriétés intellectuelles, 2004, 503, in German translation in GRUR Int., 2004, 271, and in Chinese translation in Intellectual Property Studies, 2004, no. 15, 78.)
